GoogleManifesto

Für große Aufregung sorgt derzeit der Fall eines Google Entwicklers, der mit seinem „Google Manifesto“ (#googlemanifesto) eine Diskussion über aus seiner Sicht existierende Missstände bei Google starten wollte. Am Tag des Augsburger Friedensfestes – einem großen Religionsfrieden aus dem Jahr 1555 – schlug ein Google Mitarbeiter seine Thesen virtuell an die Google Mauern. Er wurde nicht gehenkt – sondern nur entlassen.

Ausgangslage

Was war geschehen? Der langjährige Google Mitarbeiter aus der SW-Entwicklung im Hauptquartier Mountainview hat in einem mehrseitigen Memo (Google Manifesto, hier im englischen Wortlaut, deutsche Auszüge sind verfälschend. eine gute deutsche Darstellung findet sich hier…) versucht, eine Diskussion anzustoßen über Themen, die aus seiner Erfahrung bei Google nicht mehr offen diskutiert werden (können). Es geht u. a. darum, dass aus Gründen der Anti-Diskriminierung, Diversity und Gendergleichheit Entscheidungen getroffen werden, die wiederum Ungerechtigkeit für Andere bedeuten.

Ganz konkret beschreibt er u. a., dass bei Einstellungen vielfach Frauen, Menschen nicht-weißer Hautfarbe oder Mitglieder anderer Minderheiten bevorzugt würden, um die Ungleichverteilung (Männer / Frauen, weiß / andere Hautfarben) zu eliminieren. Er stellt auch die Frage, woran es liegen könnte, dass überall auf der Welt mehr Männer in technischen Berufen arbeiteten und kommt zu dem Schluss, dass es Unterschiede in den Interessen und Neigungen gäbe zwischen Mann und Frau, die evolutionsbiologisch bedingt seien (und nicht sozial „gemacht“ worden sind).

Auf Grund dieser Leugnung der Gleichheit zwischen Mann und Frau („Sexismus“) unterbrach Google-Chef Sundar Pichai seinen Urlaub und feuerte den Mitarbeiter umgehend.

Analyse

Der US-amerikanische  Psychologe Prof. Clare Graves hat nach jahrzehntelanger Forschungsarbeit verschiedene Werteebenen in Gesellschaften entdeckt („Spiral Dynamics“). Er konnte zeigen, dass Gesellschaften in den letzten Jahrtausenden verschiedene Werteebenen und Weltbilder durchliefen, welche jeweils die bestmögliche Antwort auf die herrschenden Umfeldbedingungen darstellen. Heute haben wir es in den westlichen Gesellschaften vornehmlich mit drei Werteebenen zu tun, die parallel existieren. Graves bezeichnete die Ebenen mit Farben, hier eine stark verkürzte Darstellung:

Die Ebene „Ordnung, Recht und Gesetz“ (blau): Das Wichtigste ist, dass das Zusammenleben der Menschen durch einen klaren Ordnungsrahmen geregelt wird (Staat, Kirche). „Durch unser Regelwerk wissen wir genau, was richtig und falsch ist.“ Die Gesellschaft funktioniert nur, wenn auch der Ordnungsrahmen eingehalten wird.  Fehlverhalten wird konsequent geahndet. Alles Andere führt zu Chaos.  Der Einzelne fühlt sich dadurch sicher, gemeinsam ist man stark. (politisch: konservativ, eher rechts) „Man muss sich an die Regeln halten!“

Die Ebene „anything goes“ (orange): jeder ist seines Glückes Schmied, jeder kann erfolgreich sein, wenn er sich nur genügend anstrengt. Wettbewerb zwischen Menschen und Unternehmen prägt Wirtschaft und Gesellschaft; persönlicher Erfolg, Effizienz und Leistung sind treibende Kräfte, Selbstoptimierung wird zur Pflichtübung für Viele. Der Gesellschaft geht es am Besten, wenn jeder seinen eigenen Nutzen maximiert. Leistung ist die Triebfeder der Gesellschaft und führt zu Erfolg. Technische Erfindungen erleichtern und verändern unser Leben, wirken sich aber auch auf das Ökosystem und den Planten aus. (politisch: (neo-)liberal). „Ich kann alles erreichen!“

Die Ebene des Pluralismus (grün, postmodern): Jeder und alles wird akzeptiert und hat ein Recht darauf, sein „Ding“ zu leben, alles ist gleichwertig. Der einzelne übernimmt größere Verantwortung für sein Tun im Hinblick auf die Umwelt, Randgruppen, die gesamte Menschheit. Konsens geht vor Diskurs, Gefühle sind wichtiger als Rationalität. Man erlebt sich als moralisch höher stehend, political correctness wird zu einer Art Religion (politisch: links-grün). „Alle Menschen sind gleich, man muss tolerant sein!“

Letztere Werteebene ist eindeutig die bei Google vorherrschende. Sie versucht, Minderheiten zu integrieren, Diskriminierung zu vermeiden, Toleranz zu fördern. Diese Weltsicht nahm ihren Anfang in den 68ern und wird heute im Westen von ca. 20-30% der Bevölkerung vertreten.

Der Amerikaner Ken Wilber („Integrale Theorie“) hat sich ausführlich mit dem Phänomen des pluralistischen (postmodernen) Wertesystems beschäftigt und dabei festgestellt, dass es neben all seinen positiven Auswirkungen zwei fatale Verwirrungen hervorbringen kann:

  1. Der Ausgangspunkt ist die Grundidee „Alle Menschen sind gleich“. Gleich im Sinne des „Menschseins an sich“, der Würde des Menschen oder auch vor dem Gesetz, was niemand in unserem Kulturkreis bezweifeln wird. Doch nun beginnt die Paradoxie. Denn aus dem im korrekten Kontext völlig richtigen Grundsatz „Alle Menschen sind gleich“ wird ein „Es darf keine Unterschiede geben“. Nun zeigt die Realität aber, dass es sehr wohl Unterschiede gibt hinsichtlich Talenten und Fähigkeiten, (Aus)bildung und Beruf, Erfahrung, sozialer Einbindung, Eigentum oder Herkunft u. a. m. Die Idee der postmodernen relativistischen Werteebene ist, dass dies alles auf Grund sozialer Ungerechtigkeiten entstanden ist und dass diese nun beseitigt werden müssen. Auch sämtliche Unterschiede der Geschlechter.
  2. Schwierig wird es nun, wenn die eigene Position als moralisch so hochstehend gewertet wird, dass sich jede Diskussion darüber verbietet, jeder Einwand nur moralisch geringwertiger sein kann. Wer hier differenzieren möchte, dem begegnet das „große postmoderne Paradoxon“: Niemand darf auf Grund von Geschlecht, Hautfarbe, Herkunft, sexueller Orientierung etc. diskriminiert werden. Außer er hat eine nicht-postmoderne Haltung. An dieser Stelle endet die Toleranz, die abgelehnte Intoleranz schlägt zu: eine Entlassung wegen „diskriminierender Äußerungen“ scheint gerechtfertigt.

Und genau hier verkehrt sich die gute Absicht in ihr Gegenteil: im Bestreben, alle Menschen gleich zu behandeln wird das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Aus „jeder hat das gleiche Recht“ wird „es darf keine Unterschiede geben“. Und damit setzt ein Prozess der Realitätsverweigerung ein, da die Wirklichkeit uns ständig zeigt, dass es sehr wohl Unterschiede gibt. Doch diese müssen geleugnet werden. Wer dies verweigert bekommt die maximale Härte der „Toleranz“ zu spüren.

Das Google Manifesto war ein Versuch, dieser Sprachlosigkeit zu entkommen. Die Erfahrung des Software Ingenieurs James Damore, bei Google könne man vieles nicht mehr ansprechen, ist durch die Entlassung postwendend bestätigt worden. Absurd wird der Fall durch die Tatsache, dass der CEO eines 700Mrd Dollar Unternehmens deshalb seinen Urlaub unterbricht um sich persönlich der Sache anzunehmen.

Folgen

Eine der Folgen dieses Vorganges ist eine Spaltung der Google-Mitarbeiter in diejenigen, welche die Entlassung befürworten und andere, die fassungslos den Vorgang beobachten, da ihr Weltbild dies nicht mehr integrieren kann. Eine weitere Folge ist eine Kultur des Misstrauens. Man weiß implizit genau, welche Meinung ausgesprochen werden darf und welche nicht. Mit großer Vorsicht (dem Gegenteil der gewünschten Offenheit und „sozialen Sicherheit“) wird ausgelotet werden, was mit wem diskutiert werden kann, ohne den eigenen Arbeitsplatz zu gefährden. Bei Einstellungen hat jeder Bewerber, der auf eine Minderheiten-Eigenschaft verweisen kann, automatisch einen Joker.

Für das Unternehmen bedeutet das,

  • dass kreatives Potenzial verschüttet wird, da Kreativität Offenheit voraussetzt,
  • dass es tatsächlich nicht mehr „die Besten“ (was ein Jahrzehnt Googles Strategie war) Mitarbeiter bekommen wird, sondern diejenigen, die am besten ins Diversity-Schema passen, und
  • dass die Lagerbildung unter den Mitarbeitern Googles Kultur – einer der wesentlichen Erfolgsfaktoren des Unternehmens – nachhaltig schädigen kann.

Lösungen

Der wichtigste Schritt um aus dieser verfahrenen Situation zu entkommen ist die Aufdeckung und Bewusstmachung der wirkenden Mechanismen. Menschen in den jeweiligen Werteebenen (blau – orange – grün) haben die Eigenschaft, Menschen anderer Werteebene abzulehnen: Was hält ein erfolgsorientiertes (oranges) Unternehmen von einer bürokratischen (blauen) Verwaltung? Oder ein (grüner) Umweltschützer von einem wachstumsorientierten Dax-Konzern?

Eine Gesellschaft kann sich nur weiterentwickeln, wenn sie die positiven Eigenschaften auf jeder Werteebene stärkt und die Auswüchse korrigiert (ob dies eine lähmende weil überbordende Bürokratie auf „blau“ ist, ein selbstzerstörerischer Wachstumskurs der orangen Weltwirtschaft oder die unter der Toleranzflagge verbreitete Intoleranz auf „grün“.

Wenn alle Beteiligten sehen können, dass sie unterschiedliche Sichtweisen auf dieselbe Situation haben, dass diese jeweils ihre Berechtigung haben und dass die Ausgrenzung von Menschen mit anderer Weltsicht ebenfalls eine Diskriminierung darstellt, dann kann konstruktiver Dialog stattfinden.

Mit den Werkzeugen von Clare Graves und der Vier-Perspektiven Methode von Ken Wilber gelingt dies in kurzer Zeit und ein echtes Miteinander kann entstehen (www.metafokus.de)

Und so erfüllen möglicherweise die Thesen des Google Manifestos ihren Zweck weit über die Mauern von Google hinaus.

Weitere Infos zu dieser Methode und zum Seminar „MetaFokus“