Aufmersamkeit - MetafokusSie lesen diese Zeilen. Jetzt. Was hat Sie dazu bewogen? Die Überschrift? Ein schon länger verfolgtes Interesse an diesem Thema? Ein kaum bewusstes Unbehagen, dass Ihre Aufmerksamkeit immer wieder einmal abdriftet, ohne klares Ziel? Jetzt denken Sie über eine Antwort nach. Wie frei ist ihre Aufmerksamkeit in diesem Moment? Wie frei können Sie gerade jetzt über die nächste Minute Ihrer Zeit entscheiden? Haben diese Fragen eine Emotion ausgelöst? Falls ja: ist ihnen dies bewusst gewesen, oder erst jetzt, nachdem diese Frage Ihre Aufmerksamkeit darauf lenkt?

Es ist sonderbar: unser wichtigstes Gut, unsere Aufmerksamkeit, ist meist so flüchtig, dass wir sie nicht einmal bewusst bemerken. Unser wichtigstes Gut? Ist nicht Zeit das Wichtigste? Oder Sicherheit, Gesundheit, Wohlstand? Was auch immer für Sie an erster Stelle steht: ohne die Fähigkeit, Ihre Aufmerksamkeit bewusst zu steuern ist alles andere weniger wert.

Ein kleines Beispiel macht dies schnell klar: wie viele Stunden mehr am Smartphone würden Sie glücklich machen? Oder mit netflix bzw. TV? Wenn der Tag also mehr freie Stunden hätte, wie viel mehr Zeit würden Sie mit emails, Handy, Internetsurfen, Serien verbringen und dabei erfüllter und glücklicher werden? Ehrlicherweise kann diese Frage niemand exakt beantworten. Warum? Weil wir diese Zeit nicht selbst steuern. Weil wir nicht entscheiden, dass wir exakt 5 Minuten in Facebook oder youtube gehen, um genau diesen einen Post zu lesen bzw. Video zu sehen. Wir entscheiden das nicht, sondern wir werden hineingezogen, unsere Aufmerksamkeit wird auf geschickte Weise vereinnahmt und wir bemerken dies oft erst nach einer halben Stunde oder mehr, wenn wir verblüfft erkennen, dass wir wahrhaft abgetaucht waren.

„Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein kleiner Spalt. Darin liegt die menschliche Freiheit.“  Dies bemerkte der Psychologe Viktor Frankl bereits vor 70 Jahren. Doch heute ist diese Weisheit aktueller – und wichtiger – denn je. Denn in diesem „Spalt“ liegt unsere Fähigkeit zur „Meta-Aufmerksamkeit“, d. h. zu bemerken, wo es uns gerade hinzieht, die Freiheit diesem Automatismus eben gerade nicht zu folgen sondern inne zu halten, um eine bewusste Entscheidung zu treffen.

Der Guardian veröffentlichte unlängst einen Artikel mit der Überschrift „Our minds can be hijacked“ und beschreibt ausführlich die Techniken der Silicon Valley Companies, die sie in ausgeklügelter Form verwenden um unsere Aufmerksamkeit zu binden. In dem Artikel kommen die Erfinder des Facebook-Like Buttons, des „Nach-unten-Wischens“ zum Aktualisieren von Apps oder ein Google Inhouse Ethiker zu Wort. Und das Erstaunliche: alle geben übereinstimmend an, dass sie mittlerweile versuchen, sich von den Aufmerksamkeitsdieben bewusst fernzuhalten: Apps deinstallieren, Smartphone ab 19.00 nicht mehr in die Hand nehmen und keinesfalls mit ans Bett, einer hat sich jemanden eingestellt, um seine Social Media Aktivitäten zu managen.

Tatsächlich scheint es inzwischen eine ethische Frage zu geben: ist es ok, wenn Apps so designt werden, dass sie ganz gezielt die Aufmerksamkeit der Menschen „einsaugen“? Doch können wir eine Antwort von Unternehmen erwarten, deren oberstes Ziel nach wie vor Wachstum und Profit ist? Eher nicht…

Deshalb ist es die Aufgabe eines jeden Einzelnen, sich um seine wichtigste Ressource zu kümmern! Und übrigens: die digitalen Verführer führen uns diese Aufgabe nur radikaler vor Augen als alles andere. Doch neu ist dies nicht. Es war immer schon eine wahrhafte Herausforderung, sich selbst bewusst zu sein!

 

„Die absichtsvolle Steuerung unserer Aufmerksamkeit bestimmt die Qualität unseres Lebens“

Dieses Zitat des „Flow“-Forschers Mihaly Csikszentmihalyi  bringt es auf den Punkt. Aber wie lässt sie sich verbessern? Die gute Nachricht: es ist eine Fähigkeit, die jedem gesunden Erwachsenen grundsätzlich zur Verfügung steht! Das Problem daran: sie muss trainiert werden!

Wie nun kann ein solches Training aussehen? Achtsamkeit (Mindfulness) beinhaltet einige Bausteine, die gut erprobt sind. Doch es geht hier nicht primär um das Konzept der Achtsamkeit, sondern um einen pragmatischen Blick auf das Ganze.

Der Kern, um den es geht, ist die Lenkung der eigenen Aufmerksamkeit. Und dies ist eine Fähigkeit, so wie Laufen oder Fahrradfahren. Eine Verbesserung dieser Fähigkeit führt zu mehr Freiheit, besserer Fokussierung, weniger Ablenkung, mehr freier Zeit, mehr Verständnis für Andere, höherer Selbstzufriedenheit und vielem anderen mehr.

Der amerikanische Psychologe Dan Siegel hat das Wort „Mindsight“ geprägt: die Fähigkeit des Bewusstseins, sich selbst zu beobachten. Und darum geht es im Grunde: sich seiner selbst, seinen Impulsen, Emotionen, Reaktionen, Bedürfnissen und Gedanken so oft wie möglich bewusst zu werden. Denn dies sind die „Reize“, die unsere Aufmerksamkeit magnetisch anziehen. Und dort öffnet sich der Spalt für unsere „Meta-Aufmerksamkeit“, die uns bemerken lässt, was gerade im Bewusstsein geschieht bzw. was unsere Aufmerksamkeit anzieht. Denn  genau hier entstehen Entscheidungsmöglichkeiten: öffne ich die App, schalte ich den Fernseher ein, wie reagiere ich auf diesen „Vorwurf“, starte ich mein email-Programm gleich als Erstes oder kann ich eine Stunde damit warten, gebe ich dieser oder jener Gewohnheit nach… Auch wenn es oft nicht gelingt, ein bestimmtes Verhalten gleich zu verändern, entscheidend ist es den Punkt zu bemerken, wo ich die Chance dazu habe. Und dann kommt der Moment, wo der eingefahrene Weg verlassen wird…

Wie also trainiert man die Lenkung der Aufmerksamkeit? Dies ist der Inhalt von Metafokus Ebene 1: Bewusstmachung der eigenen Wahrnehmungen, Achtsamkeitstechniken, Single-Tasking, Durchbrechen von Gewohnheiten, die Fähigkeit, seine Perspektive zu erweitern und last but not least die Unterstützung durch simple aber wirkungsvolle Tools.

Mehr dazu in Teil 2 dieses Artikels…

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